Sie hatte das Gefühl, „dass es nie aufhört“

Adelzhausen: Die Buchautorin Martina Rosenberg pflegte neun Jahre lang ihre Eltern und berichtete in Tödtenried von ihren Erfahrungen.

Von Brigitte Glas

„Nein zur Pflege von Angehörigen zu sagen, das kann auch Stärke sein und muss nicht Schwäche heißen“, erklärte Martina Rosenberg. Sie ist die Autorin des Buches „Mutter, wann stirbst du endlich?“ Sie erzählt darin von der Pflege ihrer Eltern, die zur Zerreißprobe wurde. Am Mittwochabend hatte die Raiffeisenbank Adelzhausen – Sielenbach eG und die Bayerische Versicherungskammer zum Themenabend „Mut zur Pflege – gemeinsam stark sein“ nach Tödtenried eingeladen.

Dass dieses Thema für viele ein heikles ist und auf enormes Interesse stößt, zeigte die Besucherresonanz. Günter Hahn, Vorstandsvorsitzender der Bank und Michael Burkhardt, der als Spezialist für Krankenversicherungen auch einen kurzen Vortrag hielt, freuten sich über den Andrang. „Pflegebedürftig zu sein bedeutet nicht automatisch, dass man nicht mehr am Leben teilhaben kann“, sagte Hahn bei der Begrüßung der Gäste. Selbst bestimmen, wie und wo man wie lange Pflege von wem erhalten wollte, das sei ein sehr wichtiges Thema, hieß es am Mittwoch. Martina Rosenberg pflegte ihre Eltern neun Jahre lang. „Und das war eine sehr belastende Zeit“, begann sie ihre Erzählung. Ihre Eltern, beide Mitte 70, voll rüstig, fragten ihre Tochter eines Tages, ob sie und ihre Familie es sich vorstellen könnten, bei ihnen im großen Haus einzuziehen. „Warum auch nicht, dachten wir den ein großer Fehler, wie sich erst später herausstellte. Das Thema Pflege war zu diesem Zeitpunkt überhaupt kein Thema. Beide Elternteile waren fit, der Vater, ein ehemaliger Schulleiter, war geistig völlig auf der Höhe, ebenso die Mutter. Ziemlich unvorbereitet schlitterten sie dann schließlich in eine verhängnisvolle Situation.

Es war nichts geregelt

„Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Eltern untereinander nur geklärt, dass sie nie in ein Heim wollten“, erzählte Rosenberg. Und dann begann das, was sich vorher keiner in der Familie je so vorgestellt hatte. Die Mutter wurde mit Mitte 70 dement und der Vater erlitt einen Schlaganfall. Rosenberg und ihr Ehemann waren berufstätig und die Tochter kam gerade in die Grundschule. Plötzlich herrschte eine explosive Situation im Mehrgenerationenhaus. „Innerhalb eines Jahres brauchten meine Eltern eine 24-Stunden Betreuung und besonders für mich bedeutete dies Hektik pur.“ Es war nichts geregelt, keine Patientenverfügung war da und auch keine Vorsorgevollmacht. An dieser Stelle erklärte Rosenberg, dass ganz besonders die Gesellschaft umdenken müsse. „Die Erwartungshaltung ist größtenteils immer noch, dass die Pflege Aufgabe der Familie, der Kinder und ganz besonders der Töchter ist. In Deutschland sind 70 Prozent weibliche pflegende Angehörige und davon sind 60 Prozent bereits über 55 Jahre alt.“

Doch gerade in Deutschland seien sehr viele Frauen in Ganztagsarbeit integriert. „Darum ist dies eine ganz schwierige Situation, die sehr viel Ehrlichkeit und größte Planung erfordert“, sagte die Referentin. Rosenberg und ihre Familie erfuhren dies am eigenen Leib. Nachdem sie den Spagat zwischen Familie, Arbeit und Pflege der Eltern fünf Jahre lang meisterte, wurde sie selbst krank. Sie beschlossen, aus dem Mehrgenerationenhaus in ein Haus in der Nähe der Eltern zu ziehen. Die Situation entspannte sich zwar etwas, doch sie war weiterhin für sie und auch ihre Geschwister sehr belastend. „Man hat immer das Gefühl, nicht genug für die Eltern zu tun und damit immer wieder ein schlechtes Gewissen.“ Nach neun Jahren verstarben schließlich die Eltern.

Sie würde vieles anders machen

Rosenberg würde heute vieles anders machen. Sie war damals wütend auf sich selber, sie wollte immer helfen und machte damit nach eigenen Worten so viel falsch. Sie war stinkig auf die Politiker, die immer für eine Pflege zu Hause appellierten, jedoch nicht die beste Unterstützung gegeben hätten. „Und da kann dir dann schon mal der Gedanke kommen; Mutter, wann stirbst du endlich? Ich hatte oft das Gefühl, dass dieses Pflegen nie aufhört.“ Nach Veröffentlichung ihres Buches wurde sie von Menschen überrannt, die in ähnlichen Situationen steckten. „Ich hatte mit meinem Buch den Nerv vieler getroffen.“ Heute ist Rosenberg davon überzeugt, dass die Pflege daheim gelingen kann. Jedoch bedürfe dies einer frühzeitigen Vorbereitung. Es müssten eindeutige Absprachen zum Thema Pflege getroffen werden, vor allem müsse sich die Gesellschaft über die Problematik im Klaren sein. „Und eines weiß ich heute auch: Man muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn man sagt, dass man nicht mehr kann.“ Zum Schluss appellierte Rosenberg an die Zuhörer, sich frühzeitig mit Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung zu beschäftigen.